MIXMAG Interview:”Zwischen Rave und Raki –Technoszene Istanbul Wenn Feiern politisch wirdyer”

MIXMAG Interview:”Zwischen Rave und Raki –Technoszene Istanbul Wenn Feiern politisch wirdyer”
MIXMAG Interview:”Zwischen Rave und Raki –Technoszene Istanbul Wenn Feiern politisch wirdyer”
MIXMAG Interview:”Zwischen Rave und Raki –Technoszene Istanbul Wenn Feiern politisch wirdyer”
MIXMAG Interview:”Zwischen Rave und Raki –Technoszene Istanbul Wenn Feiern politisch wirdyer”

Zwischen Rave und Raki – Technoszene Istanbul , Wenn Feiern politisch wird

Istanbul ist das New York am Bosporus mit inoffiziell geschätzten 20 Millionen Einwohnern. Dort, an der Grenze zwischen Asien und Europa, trafen schon immer ganz unterschiedliche Kulturen aufeinander. Die Partyszene in Istanbul war in den letzten Jahren ein lebendiger, toller Ort, der auch ein Leben in der Szenewirtschaft als Veranstalter, Barkraft, Verkäufer oder DJ ermöglichte, doch das wird zunehmend schwieriger. Die Wirtschaft schwächelt, Arbeitsplätze verschwinden, die türkische Lira leidet unter Wertverlust, zahlreiche Anschläge sorgen für einen Einbruch des Tourismus, ein Beitritt zur EU rückt in immer weitere Ferne und die politischen Wirren tragen sicher nicht zum allgemeinen Wohlbefinden bei. Wohin geht das bunte, hedonistische Istanbul und welche Strategien haben die Protagonisten für die Zukunft?

Feiern gehen hat im Unterschied zu Berlin in Istanbul durchaus mit Geld zu tun, denn die Eintritts- und Getränkepreise liegen zwischen 10 und 20 Euro, bei einem durchschnittlichen Lohn von 300 Euro im Monat. Entsprechend hochglanz sind die meisten Clubs, die sich größtenteils um die Einkaufsmeile Istiklal Caddesi, zwischen Taksim-Platz und Tünel befinden. Dort verwandelt sich abends eine ganz normale Fußgängerzone mit Warenangebot von Datteln bis H&M in eine Zone des fröhlichen Irrsinns zwischen Grillgeruch, Popcorn und Musik, die in Clublautsärke aus den Geschäften brüllt – ein riesiger Freiluftclub und eine Einkaufskirmes. Der Charme entsteht durch die Mischung: Läden, Stände und Restaurants, dazwischen fliegende Händler und die Massen an ganz unterschiedlichen Menschen, die Kommunikation und Vergnügen suchen. Von total aufgemiezt auf kriminell hohen Stöckelschuhen bis vollverscheiert ist so ziemlich alles am Freitag Nacht auf dieser Straße.

Einige der Clubs, die sich um dieses tägliche Freiluft-Happening gruppieren, sind Klassiker von internationalem Rang und entsprechendem Booking wie das Indigo. Es punktet mit internationalen Acts der ersten Liga wie Solomun und mit einer gewissen Größe. Und es war der erste Club, der diese Clubkultur als Standard pflegte, über einen längeren Zeitraum. Viel kleiner ist der Club Kasette, der sich gleich um die Ecke vom Indigo in einer kleinen Gasse befindet. Die Kasette hat auch ein gutes Booking, jedoch in einer anderen Liga. Vor dem Laden ist ein Pulk von Menschen, die in der Gasse Shots trinken, bei ohrenbetäubend lauter Musik aus Brüllboxen. Auf dem Elektronik Floor im Inneren läuft unterdessen wirklich guter Underground-Techno mit guten lokalen und vielen internationalen DJs.

Keine fünf Minuten zu Fuß entfernt liegt das Kloster, ein beeindruckender Club in einem historischen Gebäude mit viel Marmor. Über mehrere Etagen verteilt gibt es große Floors, mit internationalem Booking und sehr guten Istanbuler DJs wie Hello Alien oder Mrloverlee. Im größten Floor steht eine gut gepflegte Function One PA, die trotz des kathedralenartigen Raums gut klingt. Das charmante Dach des Clubs hat eine Terrasse mit einem tollen Blick über einige der sieben Istanbuler Hügel. Hier oben bekommt man beim Tanzen einen kleinen Eindruck von der Größe der Metropole. Es blinkt und wabert bis zum Horizont und darüber hinaus.

Wie in den anderen Clubs ist das Publikum eine bunte Mischung aus witzigen Nachtvögeln von überall her. Expats, die in Istanbul arbeiten, mischen sich mit Touristen in ein hedonistisches Spektakel aus gutem Techno, Deep House und einer angenehmen Stimmung von Flirts zwischen allen vorhandenen Geschlechtern. Auch sonst ist es Berlin sehr ähnlich, auch in den Getränkepreisen, die Berlin an mancher Stelle arm aussehen lassen. Das Kloster zahlt, wie alle, eine hohe Alkoholsteuer, die explizit vom Kauf abhalten soll. Diese Trennlinie zieht sich durch viele Vergnügungen, Exzess muss man sich leisten

können. Die Stimmung im Kloster ist prächtig, und so wie die Kasette gerne im Kater Holzig in Berlin zu Gast ist, geben sich im Kloster andere Berliner DJs die Klinke in die Hand: Ellen Alien, Anja Schneider oder die Ritter Butzke, die 2015 gleich einen kompletten Clubabend mit u.a. Sebo, Aroma und Jan Mir gestaltete, nachdem man im Jahr zuvor im Topless einen ganzen Berlin-Abend gefeiert hatte.

Das Topless wäre fast in Sichtweite, wenn man über die Dächer laufen könnte. Aber der Eingang des Topless ist im Erdgeschoss der Fußgängerzone durch ein Kino und ein Burger-Lokal. Wüsste man nicht, dass hier ein Club ist, man würde ihn nicht finden. Angekommen mit dem Aufzug muss man nochmal durch ein Bowling-Lokal, in dem einem zur Begrüßung David Guetta in Kampflautstärke entgegen plärrt. Ein Stockwerk höher angekommen, nochmals an Türstehern vorbei, wird es dann endlich musikalisch interessant und auch die PA um einiges besser. Ein kleiner Club für den Winter und die wunderschöne, riesige Terrasse laden ein sehr gemischtes und sympathisches Publikum ein. Der Blick über die Stadt ist atemberaubend in alle vier Himmelsrichtungen. Ganz nah in Hör- und Sicht-weite ist der Taksim Platz. Während 2013 dort die Gezi Proteste mit Tränengasschwaden tobten, war es schwierig hier noch zu feiern. Nicht aus politischen Gründen, eher weil man sich in einer Art Kriegszone befand und die Polizei das Viertel de facto besetzte. In der Folge kam niemand mehr zum Feiern, schon alleine deshalb, weil der Weg in den Club gefährlich gewesen wäre. Viele internationale Bookings, die monatelangen Vorlauf hatten, konnten nicht stattfinden. Das brachte den Club an den Rand des Ruins. Als die Gezi-Proteste beendet waren, agierte man viel vorsichtiger mit dem Booking; lange Planungen und sehr teure Acts wollte oder konnte man sich nicht mehr leisten. Für die lokalen DJs war das aber auch ein guter Moment, denn nun hatten sie die Nächte für sich, und viele von ihnen sind sehr geschmackssichere DJs. Man muss ihnen großen Respekt zollen, denn viele Internetseiten sind in der Türkei einfach gesperrt und trotzdem finden sie Mittel und Wege über die besten und neuesten Releases Bescheid zu wissen und diese auch zu spielen.

Ein Klassiker und eine Oase zum Open Air Feiern ist das Suma Beach. Es ist einer der wenigen Clubs, die etwas weiter weg direkt am Strand sind, und die Sonntagspartys mit ihren guten Line-ups sind legendär. Andere Istanbuler Clubs haben Zweitlocations mit einem Strand, um dem sehr heißen Sommer in der Stadt zu entfliehen, wie es eigentlich alle Istanbuler machen, die es sich leisten können. Da sind das Babylon mit dem Babylon Beach oder Otto Asmalimesscid mit einer Zweitlocation in dem kleinen Örtchen Alacati bei Izmir, dem St. Tropez der Türkei. Dort kann man die Hitze des Sommers an türkisfarbenen Traumstränden gut überdauern, aber auch in diesem Paradies wird ständig um- und neu gebaut, so dass man auch hier nicht weiß, wie lange es noch ein schöner Ort ist. Das ist vielleicht einer der größten Unterschiede zu Berlin: Der Abriss und der Komplettaustausch ganzer Viertel wird nicht lange diskutiert, es passiert einfach. Andererseits sollte man auch das Potenzial der Proteste nicht unterschätzen, wenn es denn politisch wird. Der Taksim- Platz war wochenlang besetzt und es wurde hart mit Tränengas und Waffen gegen die meist jungen, friedlichen Menschen vorgegangen, die Gezi als Symbol für ein altes, autoritäres System betrachteten, das man so nicht wollte.

Im Istanbuler Nachtleben war man damals gar nicht so amüsiert über die Folgen dieser Proteste. Einerseits eine sehr verständliche Haltung, wenn der eigene Fortbestand durch die wirtschaftlichen Folgen in Frage steht. Aber andererseits auch Zeichen einer grundsätzlich unpolitischen Generation, die sich Konsum leisten kann und deren Vorbild eher US-amerikanisch als türkisch ist, erklärt Çetin Şahin von dem Berliner Verein Techno Türken. Die Techno Türken sind ein loser Zusammenschluss, von in Berlin lebenden Künstlern mit türkischen und kurdischen Wurzeln. In ihrer Vielfalt bilden sie einige innertürkische Konflikte ab, die aber im Techno-Rahmen keine Rolle spielen – es geht um

gute Musik und tolle Künstler. Gemeinsam veranstaltet man Partys und spielt mit dem Namen zwischen Augenzwinkern und Provokation. In Berlin einigt man sich auf das Label Techno Türken, egal ob Bio-Deutscher, Alevit, Kurde, LGBT oder Türke. Und man belebt die Tradition der Gastfreundschaft wieder, vor den Parties gibt es traditionelles Essen und Trinken in geselliger Runde. Erst Raki, dann Raven. In Berlin sind die Techno Türken eine Institution in den etablierten Clubs wie Suicide Circus. Wenn sie aber Besuch aus der Türkei haben, sind die Besucher oft etwas peinlich berührt, wie unwestlich diese Dinner sind. Einige Jungs aus dem Kollektiv legen regelmäßig in Istanbuler Clubs auf, als Techno Türken werden sie jedoch nicht eingeladen.

Vielleicht zeigt dieses Verhältnis zur eigenen Identität im Innen- und Außenverhältnis, wie schwierig der Umgang mit den eigenen Wurzeln ist. Auch andere große Künstler türkischer Herkunft haben dafür unterschiedliche Strategien. Wenige wissen, dass Len Faki eigentlich Levent Faki heißt und auch Butch oder Sis türkische Wurzeln haben. Nur wenige behalten klar erkennbar türkische Namen wie Ugur Project. Vielleicht einfach ein pragmatischer Umgang mit unterschiedlichen Phänomenen: Die Künstler haben Probleme, im eigenen Land groß zu werden, da der Weg der Coolness und Anerkennung eher von Vorbildern aus dem angloamerikanischen Kulturraum kommt. Viele bekommen den Fame erst, wenn sie im Ausland eine gewisse Bekanntheit haben, und auf der anderen Seite ist für die Technokultur Istanbul auch kein Sehnsuchtsort á la Berghain. Trotzdem haben Istanbuler Gew hse wie Ugur Project es geschafft, ihren eigenen Sound zu entwickeln und international als Produzenten wahrgenommen zu werden. Sie

ver fentlichen beispielsweise auf Labels wie Groove on, Nite Grooves oder Spaghetti Monster und sind eine feste Gr e in den Istanbuler Clubs neben den ausl dischen Headlinern. Techno wie wir ihn kennen bleibt jedoch immer einen kleine Nische in der Popkultur der T� kei. Namen wie Bosphporus Underground / Ahmet Sendil oder Jack in the Box sind Gr en im Techno-Universum, aber nicht im Mainstream Radio. Allerdings hat Istanbul mit 93,3 FM /Radio K (http://www.radyok.com.tr/) ein gutes Radio, in dem viele bekannte DJs spielen und das 24 Stunden gute Musik verbreitet.

Am Ende ist es vielleicht gut, sich vom Mainstream abzugrenzen und sich so seinen Raum zu erschaffen. Dies ist z.B. DJ İpek İpekçioğlu gelungen, die sich in der Gay Community genauso beheimatet fühlt wie in der Hochkultur und ihren wirklich ganz eigenen Sound zwischen Bosporus und Spree kreiert. Sie fühlt sich ihren orientalisch-anatolischen Wurzeln Mesopotamiens genauso loyal verpflichtet wie dem Berliner Techno und produziert elektronische Musik mit anatolischen Folkelementen. Und sie bleibt eine Pendlerin zwischen den Welten, legt in beiden Städten regelmäßig auf und organisiert Festivals. Die Tatsache, dass es in Istanbul eine Gay Community gibt, die das auch leben darf, spricht für eine offene Gesellschaft; dagegen spricht jedoch, wie versteckt man sich einfach in das Techno-Partyvolk integriert und kaum explizite Gay Parties feiert.

Eigentlich ist man ganz froh, solange man in seiner Mittelstandsblase mit 4/4 Beat am Bosporus tanzen darf, sind doch oft allzu viele Erwartungen an die jungen Menschen geknüpft. Viele wohnen während des Studiums bei den Eltern, WGs sind eher selten. Da Studieren eine teure Angelegenheit ist, ist der Druck hoch, schnell fertig zu sein und danach der Familie etwas zurückzugeben.

Die große Weltpolitik hat der Istanbuler Partyszene in den letzten Jahren sehr zu schaffen gemacht. Insgesamt gehen weniger Menschen in die Clubs. Kaum war man wieder hoffnungsvoll, als die Gezi Proteste am Taksim beendet waren, blieben nach mehreren folgenreichen Anschlägen immer mehr Touristen weg. Es wurde schwieriger, ausländische Künstler einzuladen. Nun, nach dem gescheiterten Militärumsturz, wird die Situation noch instabiler. Viele westliche Institutionen rufen ihre Mitarbeiter zurück in die Heimatländer

und die, die noch da sind, haben immer mehr Angst vor weiteren Anschlägen. Mit jeder politischen Meldung werden die Touristen weniger und die Straße bleibt fest in der Hand von konservativen Anhängern des Präsidenten. Nach den Umstürzen gab es wochenlang gratis U-Bahn-Fahrten zum Taksim-Platz, wo es in der Atmosphäre eines Volksfestes Essen und Trinken gab. DJ İpek erzählt, dass sie Freunden riet, zu Hause zu bleiben, um ein politisches Statement auszudrücken, man sei gegen die aktuelle Politik der Regierung. Es ist eine verkehrte Welt an der Grenze von Asien zu Europa, in der Öffentlichkeit als Ausdruck des Protestes nicht mehr funktioniert. Viele Studenten, die im Sommer 2013 den Taksim besetzt hielten, betätigen sich momentan gar nicht politisch, da sie eine Regierung des Militärs für noch unangenehmer und gefährlicher halten als die jetzige unter ihrem ehemaligen Erzfeind, gegen den sie wochenlang hart protestierten. Viele suchen ihr Glück im Privaten oder denken über Auswandern nach. Und einige der Clubbetreiber hoffen einen Weg zu finden zwischen immer restriktiveren Genehmigungen und immer mehr Bestechungsgeldern, zwischen immer weniger Rechtssicherheit und auch weniger Publikum, das über die Mittel verfügt, um Feiern zu gehen.

Die nächsten Monate werden entscheidend sein, ob und wer nach der Sommerpause seinen Club wieder auf das frühere Niveau bringen kann, meint Çetin Şahin von den Techno Türken, während die Istanbuler DJs sich nach anderen Möglichkeiten und Locations umsehen und versuchen, bei allem Kuddelmuddel um sie herum einen Weg für sich zu finden, um in der Heimat bleiben zu können.

Istanbul hat es bisher geschafft, auf sehr charmante Weise kommerzielle Clubs mit gutem Programm zu bespielen, und die kleineren Locations haben Strategien entwickelt, interessante Musik in wirtschaftliche Notwendigkeiten einzubetten.

In einem sind sich leider alle Akteure einig, Discobesitzer, Politaktivisten und Künstler: Die Zukunft der Szene ist sehr fraglich und hängt auch mit dem Kommen oder Ausbleiben eines internationalen Publikums zusammen. Fast möchte man sagen, fahrt hin solange es noch geht. Die Stadt, das Flair, die Szene und die Menschen haben es wirklich verdient. Und selten war einfach zu feiern so politisch.

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